Sport und Trauer

SPORT UND TRAUER - ein Gespräch von Mutter und Tochter

Vor vier Jahren starb Lisa...

Meine erwachsene Tochter Hannah und ich sitzen zusammen.  
Wir führen eines dieser Gespräche, von denen wir früher nie gedacht hätten, dass wir sie einmal führen würden. 
Vor vier Jahren starb ihre Schwester Lisa, meine jüngste Tochter, völlig unerwartet.

„Was ist eigentlich deine Erfahrung mit Trauer und Sport?“, frage ich Hannah. „Was hast du erlebt? Was hat dir gutgetan? Und was eher nicht?“

Wir sind sehr unterschiedlich, wenn es um Bewegung geht. Hannah hat Hip-Hop getanzt, liebt Pilates und kennt keine Höhenangst. Als Kind und Jugendliche kletterte sie auf jeden Felsen, der ihr begegnete. 
Ich jogge und radle gelegentlich, liebe lange Spaziergänge und mehrtägige Wanderungen. Einmal bin ich sogar über die Alpen geradelt. Was uns verbindet: Wir beide lieben Musik.

Wir lassen unsere Gedanken treiben. Wir erinnern uns, denken laut und werfen Satzfragmente in den Raum. Es tut gut, so offen darüber sprechen zu können!

 

Hannah: Nach Lisas Tod war es so seltsam, dass die Welt einfach weiterlief. Die Menschen gingen zur Arbeit, Autos fuhren durch die Straßen, die Geschäfte öffneten wie immer. Nichts schien stehen zu bleiben. Nur ich war wie gelähmt, ich konnte nicht mal an Sport denken. Der Boden unter meinen Füßen war verschwunden.

Ich: Am liebsten hätte ich mich nur noch in mein Bett verkrochen. In den ersten Wochen konnte ich Menschen kaum ertragen. Jeder Schritt kostete Kraft. Wie war das bei dir? Konntest du andere Menschen um dich haben?

Hannah: Nein. Das war anstrengend. Vor allem, wenn die Tränen plötzlich kamen. Dieses Vermissen, dieses Weinen, dieser Schmerz. Und dann das Gefühl, nicht verstanden zu werden.

Ich: Gleichzeitig hatte ich manchmal den Drang, einfach loszulaufen. Weg von allem. Oder wenigstens für einen Moment aus meinem Kopf herauszukommen. In den ersten Wochen bin ich jeden Tag gelaufen. Bei jedem Wetter. Allein durch den Wald. Dort konnte ich weinen. Ich konnte in Gedanken mit Lisa sprechen. Manchmal musste ich sogar lächeln, wenn sich eine lustige Erinnerung aufdrängte. Gefühlschaos! 

Hannah: Meine Gedanken sind ständig gerast. Tanzen hat mir später geholfen – aber erst nach etwa zwei Jahren. Erst dann konnte ich mich wieder auf andere Menschen einlassen. Beim Tanzen musste ich mich auf die Choreografie konzentrieren. 

Ich: Das kenne ich. Beim Joggen rückten andere Dinge in den Vordergrund: die Strecke, mein Atem, der nächste Schritt. Ich konnte meine Tränen laufen lassen und gleichzeitig ganz bei mir sein. Der Wald hat mich irgendwie getröstet. Klingt komisch.

Hannah: Aber damals war doch alles komisch.

Ich: Stimmt. Es war wie eine Waschmaschine im Kopf.

Hannah: Ich erinnere mich an ein Klettergerüst. Ich musste von einer Plattform springen. Ich hatte Respekt davor, aber ich habe es geschafft. Danach war ich stolz. Zum ersten Mal seit langer Zeit waren da wieder positive Gefühle. Das hat unglaublich gutgetan.

Ich: Ja. Und irgendwie fühlte es sich an, als wären wir andere Menschen geworden.

Hannah: Sind wir das?

Ich: Ich glaube schon. Mein Wertesystem hat sich verändert. Viele Dinge, die früher wichtig waren, sind in den Hintergrund gerückt.

Hannah: Das sehe ich auch so.

Ich: Weißt du, was ich spannend finde? Irgendwann kommt vielleicht der Moment, an dem man etwas Neues ausprobieren möchte. Eine neue Sportart zum Beispiel. Direkt nach Lisas Tod hätte ich das nicht gekonnt. Heute schon eher.

Hannah: Ja. Die Trauer ist immer noch da. Aber sie tritt manchmal einen Schritt zurück. Das Gehirn kann sich wieder auf andere Dinge konzentrieren. Und das ist gut. Eine neue Sportart? Warum eigentlich nicht?

Ich: Was für mich besonders wichtig war: Ich konnte selbst entscheiden, wann ich mich bewege. Niemand hat Druck gemacht. Wenn ich mich stark genug fühlte, ging ich los. Oft nahm ich mir nur eine kleine Runde vor. Mehr konnte ich mir nicht vorstellen. Aber aus den kleinen Runden wurden größere. Manche Ideen für neue Projekte sind beim Laufen entstanden – im Regen, auf Waldwegen, Schritt für Schritt.

Trauer und Sport - was die Forschung inzwischen zeigt

Körperliche Aktivität löst Trauer nicht auf. Aber sie kann helfen, mit ihr zu leben.

Viele Trauernde berichten von:

  • weniger Angst und depressiven Verstimmungen
  • weniger Stress- und Trauma-Symptomen
  • einem Gefühl von Freiheit und Entlastung
  • einem Ventil für starke Gefühle
  • sozialer Unterstützung durch gemeinsame Aktivitäten
  • Momenten, in denen die Trauer nicht alles bestimmt
  • besserem Schlaf
  • mehr Selbstwirksamkeit
  • dem Gefühl, wieder Einfluss auf das eigene Leben zu haben

Nach einem schweren Verlust fühlen sich viele Menschen vom eigenen Körper entfremdet. Bewegung kann helfen, wieder Kontakt zu sich selbst aufzunehmen.

Nicht weil der Schmerz verschwindet.
Sondern weil man spürt:

Ich bin noch da. Ich kann noch einen Schritt gehen. Ich kann noch atmen. Ich kann mich noch bewegen.


Es gibt inzwischen online sehr gutes Material zum Thema Sport und Trauer. Hier zwei kleine Beispiele:  
https://youtu.be/HOH9qyXUaUo?si=0EJaWjz1L5-Tu7dK
https://youtu.be/i--OsO-iCgs?si=bjDa7dx5FhoJZfh4


Beim Sport passiert im Körper eine ganze Menge. Interessant ist, dass nicht nur ein einzelnes „Glückshormon“ ausgeschüttet wird, sondern ein ganzes Orchester aus Botenstoffen und Hormonen aktiv wird. Welche davon überwiegen, hängt von Intensität, Dauer und Art der Bewegung ab.

Hannah und ich sind uns einig: Beim Sport verschwanden weder die Trauer noch die Sehnsucht. Aber manchmal fühlten sich unsere Körper für eine Weile nicht mehr wie ein Ort des Schmerzes an, sondern wie ein Ort, der uns jeweils weitertrug.

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